Wie schwer ist das Medizinstudium?

"Medizinstudium nur für Überflieger?"

Nun, das ist eine Frage, die sich viele stellen, bevor sie sich entschließen, sich zu bewerben. Daher möchten wir Dir hier einen kleinen Eindruck bieten, wie schwer und zeitintensiv das Medizinstudium wirklich ist.
Wir sind selbst Medizinstudenten und hatten am Anfang auch befürchtet, dass das Medizinstudium zu schwer für uns sei. Anhand von Beispielfragen zeigen wir Dir, was im Studium tatsächlich zählt und dass man kein Genie sein muss, um erfolgreich durch das Medizinstudium zu kommen.

Medizinstudium zu schwer? Was wirklich zählt

Jeder Medizinstudent, Arzt oder Professor ist auch nur ein Mensch und kocht seine Nudeln auch nur mit Wasser. Das ist schon ein Mal eine wichtige Erkenntnis, die Du Dir unbedingt klar machen solltest. Man muss wirklich keinen IQ von 200 haben, um durch das Studium zu kommen; was viel wichtiger als Intelligenz und ein 0,9 Abi sind, sind Routine, Disziplin, Geduld und, um ganz ehrlich zu sein, etwas auswendig lernen zu können!

Im vorherigen Kapitel haben wir Dir erklärt, wie das Medizinstudium aufgebaut ist und welche Fächer es beinhaltet. Außerdem haben wir versprochen Dir realistisch zu zeigen, wie anspruchsvoll und schwer die einzelnen Fächer wirklich sind.
Vorab: Die Durchfallquote in den Staatsexamina ist ziemlich niedrig! Beim Physikum (erstes Examen) im Herbst 2017 lag diese bei nur 8,9%!
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Vorklinik - Aller Anfang ist schwer (?)

Wenn man das erste Mal in einem Hörsaal mit hunderten von Leuten sitzt, ist das schon ein merkwürdiges Gefühl. Alles ist neu - so viele neue Menschen hat man schon kennengelernt und vielleicht auch schon ein paar Freunde gefunden. Es ist 8 Uhr morgens und man sitzt mit Stift, Block und Kaffee bewaffnet im Hörsaal. Der Prof kommt rein und legt direkt los.
Die erste Vorlesung: Anatomie. Es fallen Worte wie "Mediansagittalebene", "Transversalschnitt", oder "Neutral-Null-Methode" und man denkt sich: "Schaffe ich das? Ist das Medizinstudium nicht zu schwer für mich?"
So ging es damals jedenfalls uns. Rückblickend nach mehreren Jahren Medizinstudium wissen wir, was los war: Wir waren überwältigt. Es kamen in kurzer Zeit so viele neue Eindrücke auf uns zu. Und das ist ganz normal. Zu Beginn muss man sich erst ein Mal an alles gewöhnen. Die Vorlesungen sind selten so interaktiv wie der Unterricht in der Schule und auf den Folien stehen mehr Informationen als man mitschreiben kann. Zum Glück werden die Folien hochgeladen. Bis man das realisiert hat, hat man am ersten Tag schon 2 DINA4 Seiten mitgeschrieben.

Es dauert einige Zeit, bis man sich an den neuen Lehrstil und die Unterschiede zur Schule gewöhnt hat. Man eignet sich neue Lerntechniken an und nach den Vorlesungen geht es noch in die Bibliothek. Am Anfang fällt es Vielen schwer, aber das legt sich mit der Zeit. Hat man die erste Klausurphase ein Mal hinter sich, wird das Medizinstudium viel entspannter und leichter.

Das Gute: In der Vorklinik sind die Noten in den Klausuren nahezu egal. Wenn man sich später auf eine Assistenzarztstelle bewirbt, wird einen niemand fragen, wie viel Prozent man denn in der zweiten Biochemieklausur hatte. Das wichtigste in der Vorklinik ist das Bestehen der Klausuren, damit man für das Physikum zugelassen wird. Auf den Scheinen steht nichts zur erreichten Punktzahl!
Man muss also nicht alles bis ins letzte Detail perfekt können um die Klausuren zu bestehen! Dadurch wird die allgemeine Schwierigkeit des Medizinstudiums schon angenehm reduziert!
Außerdem gibt es in jedem Fach Klassiker, die einfach jedes Jahr abgefragt werden und mit denen man gute Punkte sammeln kann. Viele skurrile Merksprüche helfen auch beim auswendig Lernen!

Da man sich in der Vorklinik vor Allem mit eher abstrakten Themen wie Molekülen, Organsystemen, oder Formeln für Membranpotenziale, pH-Werte und Gefäßwiderständen beschäftigt, fällt die Vorklinik nicht Allen leicht. Allerdings sind nur wenige Klausurfragen mathematisch "anspruchsvoller". Diese Formeln beinhalten über die Grundrechenarten hinaus höchstens ab und zu einen dekadischen Logarithmus (mit etwas Übung fällt auch der nicht schwer). Am besten zeigen wir Dir das einmal exemplarisch an ein paar Klassikern:

Anatomie

Die Anatomie beschäftigt sich mit dem makroskopischen und mikroskopischen Aufbau des Körpers. Hier lernt man von Auge bis Zeh den ganzen Körper durch. Die Anatomie ist ein Fach, in dem man vor Allem eins tut: Auswendig lernen. Sobald man sich mit der Terminologie, die ja auch gelehrt wird, einmal vertraut gemacht hat, fallen die ganzen lateinischen Bezeichnungen für Muskeln und Gefäße auch gar nicht mehr so schwer.
In der Anatomie muss man zum Beispiel ganz klassisch Ursprung, Ansatz, Funktion und Innervation vieler Muskeln auswendig lernen. Diese werden in der Abschlussklausur dann anhand von Multiple Choice Fragen abgefragt. So könnte eine Frage zum Beispiel lauten:

Der Musculus deltoideus wird innerviert vom

A) Nervus suralis
B) Nervus axillaris
C) Nervus musculocutaneus
D) Nervus medianus
E) Nervus phrenicus

Wenn Du den Musculus deltoideus nun gelernt hast, dann kannst Du die Frage ziemlich schnell und problemlos beantworten (richtige Antwort ist übrigens B). Hast Du diesen Muskel nicht gelernt, bist Du nun erst mal aufgeschmissen, kannst Dir aber auch die Antwort herleiten:
Der M. deltoideus liegt an der Schulter, der N. suralis verläuft am Unterschenkel, der kann es schon mal nicht sein. Der N. phrenicus innerviert das Zwerchfell motorisch und sensibel Pleura, Perikard und Peritoneum; der ist es also auch nicht. Bleiben noch 3 Nerven übrig, von denen man immer noch raten kann, welcher nun der richtige ist und liegt mit einer Chance von 33% richtig.

Du siehst also: Man kommt ums auswendig Lernen einfach nicht herum. Wenn man früh genug damit anfängt und regelmäßig das Gelernte wiederholt, ist das zwar nervig, aber definitiv zu schaffen. Leider nimmt das ganze einige Zeit in Anspruch, da man neben den Muskeln und Nerven ja auch noch Gefäße und unter Umständen auch noch Organe lernen muss (ganz abgesehen von anderen Fächern). Wenn man noch Vorlesungen und andere Veranstaltungen hat, kann da die Zeit knapp werden. In Testaten werden anatomische Kenntnisse ebenfalls noch mündlich abgefragt.

Bevor Du jetzt aber entmutigt bist: mit etwas Zeitmanagement und gezieltem Lernen, kommt das Sozialleben aber auch nicht zu kurz und man schafft es trotzdem noch regelmäßig etwas zu unternehmen, Sport zu machen oder eine Serie zu Binge-watchen!

Biochemie

Auch in der Biochemie muss man so einiges auswendig lernen (z.B. Stoffwechselwege und Signaltransduktionsketten). Hat man aber das Grundprinzip eines Stoffwechselweges verstanden und diesen auswendig gelernt, ist das Fach gar nicht mehr so schwierig. Das auswendig Lernen kann am Anfang teilweise echt schwer fallen; man benötigt teilweise mehrere Stunden um sich einen Stoffwechselweg das erste Mal rein zu pauken, aber je häufiger man ihn danach wiederholt, desto schneller geht es. Mit etwas Routine kann man am Ende kann man den Stoffwechselweg sogar in unter einer Minute aufsagen! Auch hier gibt es viele Klassiker, die auch regelmäßig abgefragt werden. Beherrscht man diese, kommt man in der Regel auch durch die Klausuren!

Physiologie

Hier geht es mehr um das Verständnis von Organsystemen, doch trotzdem muss man auch hier einige Sachen auswendig lernen. Mit dem richtigen Lehrbuch, das die Zusammenhänge unkompliziert erklärt, muss man zwar immer noch Zeit investieren, aber mit einem Grundverständnis fallen auch die Fragen viel leichter! Mit etwas Übung in Multiple Choice Fragen zu den jeweiligen Klassikern (z.B. das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, kurz RAAS, welches an der Blutdruckregulation beteiligt ist), sollte auch dieses Fach zu schaffen sein!

Biologie, Chemie & Physik

In diesen drei Fächern bekommt man ein Grundverständnis vermittelt, das in etwa dem Grundkurs-Niveau in der Oberstufe entspricht. Man benötigt auch keine Vorkenntnisse, da in den Vorlesungen bei null angefangen wird. Wer also vor dem Studium gar keine Ahnung von Physik oder Vererbungslehre hat, braucht sich nicht auf das Medizinstudium vorbereiten, sollte sich aber im Semester ran halten. In den ersten zwei Semestern sind die Durchfallquoten für ein paar Klausuren etwas höher. Das liegt daran, dass sich viele erst neue Lernmethoden aneignen und an die Fragen im Multiple-Choice Format gewöhnen müssen. Je höher das Semester, desto niedriger die Durchfallquote!
Wie genau die Inhalte jeweils behandelt werden, hängt von den Unis ab, im Physikum (zentrale Prüfung → für Alle gleich) kommt man aber auch mit einigen klassischen Formeln ganz gut um die Runden. Die Formeln, wenn man sie dann auswendig gelernt hat (keine Sorge: es sind nicht so viele), sind in der Regel nicht komplizierter als Plus/Minus, Mal/Geteilt und dem Dekadischen Logarithmus.

Klinik - Es wird besser!

Im Studium herrscht die allgemeine Meinung, dass die Vorklinik sehr viel schwieriger und anstrengender als die Klinik ist. Dieser Meinung stimmen wir zum Teil zu. Da es an jeder Uni anders ist, kann man so eine allgemeine Aussage schwer bestätigen. Jedoch fällt das Lernen im klinischen Studienabschnitt Vielen leichter, da man das Gefühl hat, wirklich etwas für den späteren Beruf mitzunehmen und dieses Wissen auch praktisch anwenden zu können. Die Menge an zu lernendem Wissen wird in der Klinik zwar nicht weniger, aber man weiß immerhin genau wofür man es braucht:

Nehmen wir als Beispiel einfach mal die Pharmakologie. Hier muss man ebenfalls eine nicht gerade knappe Liste an Wirkstoffen (mit schweren Namen) mit Indikation, Kontraindikation, Wirkungsmechanismus und Nebenwirkungen auswendig lernen. Allerdings hat man nach dem Lernen das Gefühl, dass man jemanden wirklich helfen könnte (wenn man eine Approbation hätte).

Beispiel Pharmakologie:

Welche der folgenden Nebenwirkungen ist keine übliche Nebenwirkung eines Beta-Blockers?

A) Bradykardie
B) AV-Blockade
C) Euphorie
D) Verstärkung eines Asthma bronchiale
E) Potenzstörungen

Beispiel Innere Medizin

Welcher der folgenden Parameter ist üblicher Weise bei einer Bleiintoxikation massiv erhöht?

A) Hämoglobin
B) MCV
C) Hämatokrit
D) Zinkprotoporphyrin
E) BNP

Lösungen:
Pharmakologie: C
Innere Medizin: D

Hinzu kommt noch, dass man in der Klinik regelmäßig Patientenkontakt hat und diese auch richtig untersucht und somit mit eigenen Ohren hören kann, wie sich z.B. eine Aortenklappenstenose oder eine Lungenfibrose anhören. Zusätzlich hat man sich in der Vorklinik gewisse Lerntechniken angeeignet, mit denen das Lernen in der Klinik um einiges angenehmer ist als in der Vorklinik!

Fazit:

Man braucht weder Zauberkräfte, noch muss man ein Genie à la Albert Einstein, Gregory House oder Stephen Hawking sein, um erfolgreich Medizin zu studieren und um ein guter Arzt zu werden! Das wichtigste im Studium sind tatsächlich Motivation und Disziplin! Wer wirklich Arzt werden möchte, der findet auch die Disziplin sich regelmäßig hinzusetzen und zu lernen.
Hinzu kommt noch, dass in den Klausuren viel gelerntes Wissen abgefragt wird. In anderen Studiengängen muss man in den Klausuren noch komplizierte Rechenwege oder schön ausgearbeitete Texte verfassen. Das hat man in der Medizin in der Regel (zum Glück) nicht! Im Vergleich zu anderen Naturwissenschaften ist die Medizin also nicht ganz so schwer!

Der Mythos, dass man als Medizinstudent seine Freizeit an den Nagel hängt, ist nicht unwahr, aber trotzdem hat man noch ein Privatleben! Man kann sich die Zeit größtenteils selbst einteilen (da man einige Vorlesungen tatsächlich auslassen kann!) und wer da etwas Übung gefunden hat, der sollte ca. 40-50h/Woche fürs Studium eingebunden sein. In der Klausurphase ist das natürlich eine ganz andere Geschichte, aber auch die dauert nicht ewig an!
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